Triathlon – ein Sport der Gegensätze

Obwohl der Triathlonsport, wie wir ihn heute kennen, erst am 25. September 1974 in der Mission Bay vor San Diego an der amerikanischen Westküste „erfunden“ wurde, zählt er heute zu einer der am stärksten wachsenden und vielleicht bald auch populärsten Sportarten. Standen damals im Süden Kaliforniens nicht einmal 50 Athleten an der Startlinie, um sich in die Fluten des Pazifischen Ozeans zu stürzen, so sind es heute weit über 1000, die jedes Jahr im Oktober bei der Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii ihr Schicksal in die Hände der Insel-Götter legen.

Doch wie kann ein Sport, der scheinbar übermenschliches von seinen Athleten verlangt, so viele Anhänger haben? Man stelle sich vor, man schwimmt 3,8 km und fährt 180 km alleine im Wind mit dem Fahrrad, um dann noch einen ganzen Marathon zu laufen. Dies geschieht natürlich alles ohne Pausen. Ein Grund dafür ist sicher in der Vielseitigkeit, aber auch in der Gegensätzlichkeit des Triathlons zu finden. Denn Triathlon ist nicht nur der oben beschriebene Ironman auf Hawaii, der mit seinem Mythos eine unglaubliche Anziehungskraft auf viele Sportler ausübt. Was für die Langdistanzler Hawaii ist, das sind für viele, meist jüngere Athleten die olympischen Sommerspiele, denn seit der Spiele von Sydney im Jahr 2000 ist Triathlon auch eine olympische Sportart. Im Gegensatz zum Ironman werden auf der sogenannten „Olympischen Distanz“ „nur“ 1500m geschwommen, 40km Rad gefahren und 10 km gelaufen. Weitere Besonderheiten beim olympischen Triathlon sind die Freigabe des Fahrens im Windschatten und die sehr hohe Leistungsdichte. Oft entscheiden nur Sekunden über Sieg oder Niederlage. Damit sind die Sprint- bzw. die Olympische Distanz nicht mehr nur eine „Einstiegsdroge“ auf dem Weg zum Ironman, sondern vielmehr ein selbständiger Zweig in der großen Triathlonfamilie. Lange Zeit waren die beiden großen Zweige der World Triathlon Corporation (WTC) und die International Triathlon Union (ITU) verfeindet wie die Montagues und Capulets. Doch in den letzen Jahren näherten sich die WTC als Veranstalter der Ironman Rennen und die ITU, die hauptsächlich für die Rennen über die Olympische Distanz verantwortlich ist, an, sodass sich die Familienzweige auf höchster Ebene hoffentlich bald wieder so nahe stehen wie sie sich auf Vereinsebene schon immer standen. Denn in vielen Vereinen trainieren Langdistanzathleten und Kurzdistanzler miteinander und profitieren dadurch auch voneinander.

Dies sind aber noch nicht alle Gegensätze, die im Triathlon zu finden sind. Ist der Ironman hauptsächlich durch den Kampf eines einzelnen gegen die Herausforderungen, die die Strecke, das Wetter und der eigene Kopf und Körper an den Athleten stellen, geprägt, kommt es beim Teamsprint, wie er zum Beispiel in der Bundesliga ausgetragen wird, auf die Zusammenarbeit der Teammitglieder an. Anders als bei einer Staffel, die es auch im Triathlon gibt und bei der jeder Athlet eine Teilstrecke alleine absolviert, müssen beim Teamsprint alle Athleten zusammen einen ganzen Triathlon absolvieren. Die Zielzeit wird von dem Teammitglied bestimmt, das als letztes die Ziellinie überquert. Dabei kann es auch dazu kommen, dass der vermeintlich schwächste Athlet von seinen Kameraden geschoben wird, um noch die letzen wichtigen Sekunden herauszuholen.

Wie bereits erwähnt, ist nicht nur die Strecke eine Herausforderung, sondern auch das Wetter. So muss der gemeine deutsche Triathlet meist im kalten europäischen Winter bei Schnee und Eis die Grundlagen für den Saisonhöhepunkt im Sommer schaffen. Um diesem zu entgehen, flüchtet der Triathlet an sich gerne in den Süden, um zum Beispiel auf den kanarischen Inseln oder auf Mallorca die ersten langen Radeinheiten zu absolvieren. Doch auch im Sommer ist das Wetter nicht immer optimal, denn plötzliche Kälteeinbrüche, Platzregen oder glühende Hitze zeigen dem Athleten Grenzen auf. Wind, extreme Luftfeuchtigkeit und die Hitze der Lavafelder ließen schon die Träume vieler Athleten vom Hawaii-Finish platzen. Doch auch das gehört zum Mythos dazu.

Bei der ganzen Anstrengung und den Herausforderungen darf jedoch nicht vergessen werden, dass Triathleten nicht nur Leistungssportler oder sogar Profisportler mit über 40 Trainingsstunden in der Woche sind. Immer wieder sind Hobbysportler zu finden, die sich bei einer Kneipenrunde oder Familienfeier dazu entschlossen haben oder herausgefordert wurden, an einem Triathlon teilzunehmen und mindestens zu „finishen“. Das Finishen hat im Triathlon eine besondere Bedeutung, denn dies heißt, den Herausforderungen standgehalten, den Extremen getrotzt und letztendlich sich selbst besiegt zu haben. Und das gilt für jeden, der die Ziellinie überquert hat - vom Hobbyathleten bis zum Profi, von der Nachwuchshoffnung bis zum Rentner. Alle diese Gegensätze machen den Triathlon zu einer Sportart, die für jeden etwas bereithält.

Carsten Herboth